Joe Meyser - Leseprobe “Nicht der Rede wert”

Leseprobe “Nicht der Rede wert”

Prolog

Plumbers never have time

by F. Howard Blunt

Vorwort

Dieser Roman wird mein literarischer Durchbruch. Ein Höllentrip durch die Welt der US-Geheimdienste und die Ohnmacht derer, welche dabei auf der Strecke geblieben sind. Für einen langjährigen CIA-Mitarbeiter und Krimi-Autor, ein regelrechter Quantensprung. Allein die Charaktere auszuformen, hat mich eine Menge Zeit gekostet. Man möchte meinen, sie seien – wie man so schön sagt – dem wahren Leben entsprungen. Was sie ja auch sind.

Bedauerlicherweise pfeifen Verlagsanwälte auf Expertise. Dabei kennt ganz Amerika neuerdings meinen Namen! Aber allein die Vorstellung, sie könnten Applaus von der falschen Seite bekommen, ist diesen Leuten ein Gräuel! Weswegen man mich genötigt hat, meinem Werk folgende Anmerkung voranzustellen: “Die Figuren in diesem Buch basieren auf realen historischen Personen des öffentlichen Lebens. Ihre Lebensläufe sind in fiktive Szenarien eingebettet und stellen lediglich Ausgangspunkte für literarische Spekulationen dar.”

Well, mir soll’s recht sein. Schließlich will ich mit der Schwarte erfolgreich das Metier wechseln und nicht bis zum Ende meiner Tage in Danbury einsitzen. Denn sobald ich Ihnen, verehrter Leser, ein Knöchelchen zu viel hinwerfe, werden Sie anfangen, sich ihr eigenes Monster vorzustellen. Ich weiß, ich weiß, Sie können nicht anders. Aber das können Sie vergessen. Die Monster in dieser Geschichte gehören ausschließlich sich selbst. Und ihre Seelen demjenigen, der sie bezwungen hat.

Howard Blunt” 

Plumbers never have time, jenes sagenumwobene Spätwerk meines Herrn Vaters,  ist nie veröffentlicht worden. Nach dessen Tod im Jahre 2007 tat ich, woran sich jeder ungeliebte Sohn versucht: Ich gab mein Bestes, Dad’s letzte Angelegenheiten zu ordnen. Der Nachlass bestand im Wesentlichen aus seinen knapp fünfzig Romanen, ordentlich aufgereiht und nach Erscheinungsdatum geordnet. In einer Schuhkiste unter dem Waschbecken lagen 80.000 Dollar in gebrauchten Scheinen, ledrig wie fermentierte Tabakblätter. Prompt tauchten meine beiden Schwestern auf und wedelten mit ihren Testamenten, laut denen sie – welch Überraschung – mit jeweils 40.000 Bucks bedacht worden waren.  

In einem alten Aktenschrank aus Army-Beständen fand ich, was mich interessierte: Antworten.  Eine metallene Kassette, wie sie in Schließfächern von Großbanken üblich sind, enthielt Abhörprotokolle diverser US-Geheimdienste, ehedem als top secret eingestufte Pentagon-Akten aus den Siebzigerjahren, sowie eine versiegelte Ledermappe, welche einen mehrseitigen, mit dem Wort “Epilog” überschriebenen Text zu Tage förderte – offenbar zu einem Roman meines Vaters, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte. Die handschriftlich verfassten Seiten waren erstaunlich gut erhalten, wenn auch an einigen Stellen geschwärzt. Sogar eins von Nixons verschwundenen Tonbändern fand sich unter den verstaubten Devotionalien – unbrauchbar wie ein verbeulter Flugschreiber aus den Trümmern von 9/11. 

Ich entwickelte eine ausgewachsene Paranoia – nahm mir ein Zimmer in der Innenstadt und versank im Material. Anfangs fühlte ich mich wie ein Wiedergänger von J. Edgar Hoover, zum Schluss war mir nur noch elend. 

Besonders die Mitte der Achtzigerjahre abhanden gekommenen Gerichtsunterlagen des United States Courthouse von Miami – betreffend die Verfahren F. Howard Blunt gegen Liberty Lobby – setzten mir zu. Der Anwalt Mark Lane hatte meinen Vater bezüglich des Mordes an John F. Kennedy in Dallas, TX, insbesondere wegen der ihm unterstellten Anwesenheit zum Tatzeitpunkt, ins Kreuzverhör genommen. 

Pop’s Auftritt, das Schmierentheater, welches er dort aufführte, wühlte alte Wunden auf. Denn den Namen B-l-u-n-t zu tragen, bedeutet, qua Geburt zu spät dran zu sein. 

Über Jahre hatte ich erfolglos versucht, meinem alten Herren Details zu seiner Rolle bei dem wohl größten innenpolitischen Verbrechen in der Geschichte unseres Landes zu entlocken. Mein Investigativ-Projekt über Dallas – mir schwebte damals eine Mischung aus Sachbuch und Roman vor, quasi ein Film Noir auf Papier, hatte Dad’s Sicht der Dinge in den Mittelpunkt stellen, sprich, die Geschichte – sozusagen aus erster Hand – real erlebbar machen sollen. 

Last but not least – und, welch lächerliches Klischee – entdeckte ich einige Tage später unter der durchgelegenen Matratze des Totenbetts besagtes Romanmanuskript, namens Plumbers never have time.

Das Buch schien Mitte der Siebziger konzipiert worden zu sein. Der Fluss der Ereignisse – eine schier endlose Litanei nahezu sämtlicher außenpolitischer Sündenfälle diverser US-Geheimdienste seit dem zweiten Weltkrieg –  riss im Sommer ‘74 jäh ab, außerdem behauptete Dad in Danbury Prison, einer Vollzugseinrichtung des US-Justizministeriums, einzusitzen. Tatsächlich war er Anfang Januar ‘73 wegen Verschwörung zu 33 Monaten verurteilt worden und dieses eine Mal nicht darum herumgekommen, seine Strafe abzusitzen. 

Je länger ich las, desto mehr fühlte ich mich wie ein Sohn, der hilflos mit ansehen muss, wie der eigene Vater ihm die große Liebe ausspannt. Dad hatte mir jede Hilfe verwehrt, seine Geschichte zu erzählen. Nun wusste ich, warum – er hatte mein Buch längst selbst geschrieben. Würden wir beide zusammen die darin enthaltenen Ungeheuerlichkeiten veröffentlicht haben – der Pulitzer-Preis wäre noch das Mindeste gewesen. (Ich denke da an einen Film von Martin Scorsese, in den Hauptrollen Phillip Seymour Hoffman als BOB, James Woods als RON, Gary Oldman als HOWARD BLUNT, Nick Nolte als Colonel DIETRICH, Isabella Rossellini als RUTH und Anne Hathaway als THERESA, sowie einer alles überragenden Kim Basinger in der Rolle der MARCY. Meine Wenigkeit, die Stimme aus dem OFF sozusagen, würden wohl am besten Morgan Freeman oder Robert De Niro umgesetzt haben, aber dazu kam es bekanntlich nie.)

Meine Rache, mir all dies genommen zu haben, gestaltete sich alles andere als subtil. Ich erhob meine Wenigkeit zum Lektor mit Allmachtsphantasien – und schrieb das Buch quasi noch einmal. 

Im Bestreben, meinem Publikum eine möglichst originalgetreue, historische Kulisse zu bieten, machte ich meinen Protagonisten den Giftschrank meines Vaters zugänglich, indem ich ihnen seine selbstgefälligen, verbalen Auslassungen in den Mund legte. Zum Ausgleich dafür sorgte ich für ein entsprechendes seelisches Martyrium besagter Herrschaften, indem ich sie über Schuld im Allgemeinen, sowie über das dritte Newtonsche Gesetz, sprich, über das Verhältnis von Ursache und Wirkung im Besonderen nachgrübeln ließ. 

Der Gedanke, mir nichtsdestotrotz den Feind ins Haus geholt zu haben, ist nicht von der Hand zu weisen – speziell die männlichen Figuren haben ein bisweilen erschreckendes Eigenleben entwickelt. Scherzhaft gesagt: Wenn es gut läuft, werde ich den Erfolg für mich reklamieren; wenn nicht, kann ich alles auf den Alten schieben.   

Apropos, egal wie hart Pops an den Charakteren gearbeitet haben will – hart ist nicht immer hart genug: Der Ehrgeiz meines Vaters, sich an der Komplexität von Frauenfiguren zu versuchen, bewegte sich innerhalb der erwartbaren Grenzen seiner Generation – knapp unterhalb des Gürtels. In meinen Augen die größte Schwäche seiner Version des Romans.

Ich habe mir daher die Freiheit genommen, diese, von mir als weiße Stellen empfundenen Lücken, mit Fragen zu füllen, welche ich all jenen Frauen, die in meinem Leben eine wie auch immer geartete Rolle spielten, sozusagen abgelauscht habe. Meiner Ansicht nach, mutet dem weiblichen Wesen etwas Rätselhaftes an, in welchem es sich auf vortreffliche Weise verlieren lässt. Zumindest solange, wie man mit niemandem und erst recht keiner Frau, je darüber spricht. Passend dazu: Meine Frau Luise bestärkte mich in meinem Vorhaben, indem sie mich – wieder einmal – an ihre irische Herkunft erinnerte: “Auch wenn an dir eine amtliche Pussy verloren gegangen ist – übernimm dich nur nicht!” 

Nun, ich übertreibe wohl nicht allzu sehr, wenn ich fehlende familiäre Unterstützung als die Konstante in meinem Leben bezeichne. Manches nimmt man mit den Jahren leichter, anderes nicht. Selbst auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – das Scheitern sämtlicher Versuche meinen Vater zu interviewen, gehört in letztere Kategorie.

Als ich auf den letzten Seiten des Manuskripts vermeintlich erneut auf besagten Epilog stieß, welcher damals die Aufmerksamkeit des Pentagon erregt hatte, war ich zunächst versucht gewesen, mir das nicht noch einmal anzutun. Das verbale Toxikum, ausgerechnet in Form eines Pseudo-Interviews mit einem imaginären Leser – welcher auf unangenehm schwülstige Art zunächst zum Zeugen erklärt und infolgedessen allen Ernstes zum totalen Feindbild hochstilisiert wird -, lag mir wie ein Stein im Magen.

Nur, dass ich diesmal einen vollkommen anderen Text las. 

Einen, der das Zeug dazu hat, die Rolle der USA als Heilsbringer der Demokratie ein für allemal ad absurdum zu führen.

So oder so, in Dad’s Leben passierte nichts, was er nicht vom Ende her penibel durchgerechnet hätte. Das spielerische Moment, auf das er sich gelegentlich beruft, nehme ich ihm nicht ab. Die perverse Art und Weise, seine Schandtaten regelrecht auszuleuchten, lässt keinen Zweifel an den damit einhergehenden Ambitionen zu. Einerseits handelt es sich bei Plumbers never have time um eine unmissverständliche Drohgeste den eigenen Kumpanen gegenüber, andererseits spielte Dad ganz offensichtlich mit dem Gedanken, sich selbst ein gleichermaßen historisches wie literarisches Denkmal zu setzen. 

Confessions of a dangerous mind. Klappe, die Hundertste.

Aber urteilen Sie selbst. Ich habe beide Passagen – entsprechend gekennzeichnet – in das vorliegende Werk übernommen. Dramaturgisch gesehen, bilden diese wirren Pamphlete den Rahmen, in welchem sich der kriminologische Aspekt der Geschichte entfalten und zu einem, für alle Seiten nachvollziehbaren, Ende finden kann. Sie, die Leser, sollen letztlich nicht ebenso allein im Regen stehen bleiben, wie die Figuren in diesem Buch. (Ich persönlich empfinde die Textur des vorliegenden  Werkes dort am stärksten, wo sie den Zustand der Unsicherheit, des Unwissens, der permanent über den Köpfen aller Beteiligten schwebenden Gefahr einfängt. Und jede Auflösung schuldig bleibt. Aber was der eine als lästige Trivia empfinden mag, benötigt der andere, um satt zu Bett zu gehen. Oder, um es mit der Wahrheit zu versuchen: Mich in diesem Punkt gegen meinen Vater durchzusetzen, hätte bedeuten können, hinter dessen handwerkliche Professionalität zurückzufallen. Für den Kaufpreis eines seiner Kriminalromane gab es auf alle Fragen stets die entsprechenden Antworten dazu.)

Abschließend möchte ich eingestehen, dass es mir ein außerordentliches Vergnügen war, den Titel des Romans zu ändern. Mich interessieren die Menschen jenseits des Scheinwerferlichts. In diesem Fall, was es mit ihnen anstellte, ein Leben im Verborgenen, in ständigem Misstrauen ihren Mitmenschen gegenüber, zu führen. Wozu sie unter Umständen vielleicht bereit gewesen wären, es mit anderen zu teilen – und was sie als Nicht der Rede wert unter den Tisch fallen ließen.

Miami, Florida, im September 2013

Earl. D. Blunt 

Nicht der Rede wert

by Earl D. Blunt

Eine fremde Seele liegt im Dunkeln.

Altes russisches Sprichwort

Sonntag, 18. August, 1974, gg. acht Uhr abends

Wohnhaus von Mr. & Mrs. Ron Magruder / 4282 Clover Rd / 35401 Tuscaloosa, Alabama, USA

“Ich will nicht sagen, dass du lügst, aber mir hast du das vollkommen anders geschildert, Bob!”, verkündete Marcy das Urteil, als hockten sie in einem gottverdammten Gerichtssaal. 

Der Angeklagte hörte auf den ebenso klangvollen, wie in die Irre führenden Namen Robert E. Wallach Junior. Für den Senior war der Mittelname Elliot einst zum Rufnamen geworden, aber niemand, der diesen imposanten Mann zu Lebzeiten gekannt hatte, wäre auf den Gedanken gekommen bei dessen Sohn ebenso zu verfahren. 

Bobs Aura, sofern man diesen Begriff in den Mund nehmen wollte, hatte etwas von einem ehemaligen Movie Star, dessen Leben nach dem Happy End seines letzten Filmerfolgs, erbarmungslos weiter verlaufen war. Von der attraktiven Patina alternder Männer, welche mit sich im Reinen sind, konnte bei ihm keine Rede sein. Seine Körpersprache erinnerte eher an das würdelose Altern der Frauen. Deren Dahinwelken speiste sich bekanntlich aus großflächiger Bindegewebsschwäche, diversen Gewichtsproblemen, sowie allzu oft aus der Tatsache, den falschen Mann geehelicht zu haben. 

Äußerlich betrachtet, gehörte Bob definitiv zu dieser Sorte Kerl: Quietschbunte, mexikanische Zuhälter-Cowboyboots, schmierige, halblange Haare, mit der für sein Alter obligatorischen kahlen Stelle am Hinterkopf und ein hässliches,  über dem Bauch spannendes Westernhemd, welches nur von der, fast bis unter die Brust hochgezogenen, cremefarbenen Wrangler-Hose aus Polyester davor bewahrt wurde der Länge nach aufzuplatzen, um einer nach Luft schnappenden Allgemeinheit den Anblick seiner dicken, gekräuselten, grauschwarzen Brusthaare anzutun. Das bestechendste Zugeständnis an die Zeit in der er lebte, sein buschiger, offensichtlich nachgefärbter Schnauzer, wirkte alles andere als animalisch, sondern – es lässt sich nicht anders sagen – eher wie ein Faschings-Utensil. Das Ding sah aus wie angeklebt. 

Bobs auffallend große, kugelrunde Glubschaugen waren von einer ganzen Serie hochprozentiger Drinks glasig geworden und taxierten lauernd den Blick seiner Frau. Was er sah, gefiel ihm nicht. Ganz und gar nicht. Marcy’s Wangen waren mit roten Flatschen überzogen – wie immer, wenn sie drohte vor Entrüstung an die Decke zu gehen. Sollte der Funke auf ihr platinblondes Haar überspringen, würde das ganze Weib in Flammen stehen! 

‘Ha!’, dachte Bob. ‘Mrs. Robert E. Wallach! Höllisch wütend und strahlend vor Glück!’ Ein wenig Mimik hier, ein bisschen Gestik da – und fertig war die Trullala. Er starrte in sein Glas, rutschte nervös in seinem Sessel herum und kratzte sich verstohlen an den Eiern – was ihm ein triumphierendes Lächeln ihrerseits einbrachte. Offensichtlich empfand Marcy sein würdeloses Verhalten als vollendetes Schuldeingeständnis.

‘Die aktuelle Staffel der Standard-Schmierenkomödie Dinner bei FreundenEpisode 13 – Der Rosenkrieg’, schnaufte Bob, während Millionen kleiner Schweißtropfen von seinem Schädel weg in den Raum geschleudert wurden, als hätte eine Schar Kinder einen Gartenschlauch in einen ausgehöhlten Kürbiskopf gesteckt und das Wasser aufgedreht, um Supernova zu spielen.

Eines Tages würde man sterben dürfen. Man bekam Krebs – alle bekamen Krebs – und wer die Moneten dazu hatte, landete in einer überteuerten, weiß getünchten Box im dritten Stock eines gigantischen Hospital-Komplexes namens Cedars-Sinai Medical Center in L.A. 

Wo einem mit stolz geschwellter Brust eröffnet wurde, man zahle den unverschämten Aufpreis allein für die Tatsache, dass in dieser Einrichtung bereits eine stattliche Anzahl Famous Americans das Zeitliche gesegnet hatte. “Bobby Darin!!! Don Alvarado!!! Edward G. Robinson!!! Und denken Sie nur an die Monroe, Sir! Well, genau genommen ist die ja zu Hause im Bi-Ba-Butze-Bettchen verstorben, nachdem Bobby K. ihr am Abend zuvor ein bisschen zu liebevoll die Decke über’s hübsche Näschen gezogen hat. Aber, immerhin ihren Blinddarm ist sie bei uns losgeworden! Die Narbe wäre Ihnen im Leben nich’ aufgefallen, so mini, wie die im Gegensatz zur ihren Atom-Ohren (…)!”

Irgendwann würden die professionellen Quacksalber den Raum verlassen und einen in Ruhe lassen. Flach, still und friedlich läge man in seinem frisch gemachten Bettchen und bräuchte nichts weiter zu tun, als auf das Ende zu warten. Und das Beste war – man würde bestimmen können, wer draußen zu bleiben hatte. 

Bevor es jedoch eines Tages soweit war, galt es eine schier endlose Reihe an Abendgesellschaften zu überstehen, zu denen sich die Legionen verheirateter Paare von Amerika so unendlich gern – scheinbar einvernehmlich – gegenseitig verpflichteten. Um sich nicht wie sonst zu zweit, sondern zu viert zu langweilen. Um sich einander zu vergewissern, dass man es noch drauf hatte so zu tun, als wäre man nach wie vor normal; bei Bedarf so gesellig wie und von wem auch immer erwünscht – und nicht etwa misanthropisch oder gar latent verhaltensgestört. 

Verschenkte Lebenszeit, wenn man ihn fragte. Etwas, was man sich antat, weil es nun mal dazu gehörte. 

Heute Abend hatte sein alter Partner Ronnie-Mag geladen. Vom ersten Augenblick an war die Chose unerfreulich, ja geradezu entwürdigend verlaufen. Dabei war er, seiner eigenen Einschätzung nach, zumindest anfänglich ganz gut drauf gewesen. 

Nicht, dass bestimmte Gegensätzlichkeiten noch ein Mysterium darstellten. Den entsprechenden Mechanismus kannte Bob bis zum Erbrechen – immer, wenn er sich selbst für unbezahlbar hielt, war er anscheinend zum Sonderpreis zu haben. Er hatte sagen können, was er wollte – im Grunde beteiligte er sich ja überhaupt nur aus reiner Höflichkeit am Gespräch – von Respekt ihm gegenüber, weit und breit keine Spur! Stellenweise hatte er sich regelrecht untergebuttert gefühlt!

Zwangsläufig, so wie der Mensch zur Toilette muss, nachdem er sich den Magen vollgeschlagen hat, war die kleine Gesellschaft bei Scotch zum Nachtisch und den Räuberpistolen der Männer im Kaminzimmer angekommen. Sein, wie er fand, äußerst subtiler Scherz zu Rons neuester Anschaffung, einem klobigen Kamin der neuesten Generation, war mit einer derartigen Arroganz sämtlicher Anwesender quittiert worden, dass es jeder Beschreibung spottete. Dabei machte so ein Ding in diesem Klima ungefähr so viel Sinn, wie die Beschränkung auf einen String Tanga am Nordpol! 

Nur dass die Menschen im Süden sich einen Dreck um Sinnhaftigkeit scherten. Was sie unter gediegenem Ambiente verstanden, entschieden immer noch Sie. Weder die Launen des Wettermanns, noch irgendwelche gottverdammten Liberalen oder Katholiken in Washington D.C. hatten sich da einzumischen! Manche überzogen es geradezu bis ins Groteske – denken Sie nur an Tricky Dick Nixon, zugegebenermaßen etwas weiter westwärts, in seinem neuen Domizil in San Clemente, California. Der schottete sein Kaminzimmer nach außen hin komplett gegen Licht und Hitze ab, drehte die Klimaanlage auf und machte es sich am Feuer gemütlich. Allein mit sich und der Illusion von seinem ehrenvollen Frieden …